Blaue Stunde über einer Landstraße in Ober­ italien: Orange leuchten die vier, fünf funzelnden Straßenlampe auf; darunter ein Zaun, ein Strom­ kasten, eine Zufahrt und der ebenfalls orange leuchtende Teer, der erste Risse zeigt. Eine Art-Deco-Tankstelle im fahlen Neonlicht, Putz blättert ab. Der Dienst hier wurde längst eingestellt, nur die säuberlich aufgereihten Gebrauchtwagen im Hintergrund verraten, dass dieser verlassene Fleck noch ab und an von Autos angefahren wird. Die Fassade des Computerhändlers nebenan leuchtet in der Nacht. Auch der Eingang eines benachbarten Hotels in dieser schmucklosen Straße ist erhellt. Nur der Eingang, über dem neben einer die Beine spreizenden Frau „Imperial Live Show“ zu lesen steht, bleibt dunkel. Und dunkel bleiben auch die Leuchtbuchstaben, die „Cabaret“ versprechen. Viel verraten die Foto­ grafien in Philipp Bölls Serie „LVDWIG“ zunächst nicht – nicht über ihren Sinn oder Zweck, nicht über ihren inneren Zusammenhalt und nicht über die Geschichte, die sie ganz ohne Zweifel erzäh­ len. Ein Parkplatz in der Nacht; eine mit Graffiti beschmierte Häuserwand; ein Kiesbett in einem abendlichen Fluss, allesamt menschenleer.

Es sind minutiöse Stimmungsbilder unscheinbarer Orte. Orte, die überall und alles mögliche sein könnten. Tatsächlich aber sind es Tatorte. Zwischen 1977 und 1984 ermordete die christ­ lich-fundamentalistisch „Gruppe Ludwig“ – nach allem was man weiß – 15 Menschen in Oberitali­ en und München. Der in stilisierten Runen ver­ fasste Schriftzug LVDWIG, ein Reichsadler und ein Hakenkreuz zierten stets die Briefköpfe der Bekennerschreiben. Als Schlussformel wählten der 1959 in Düsseldorf geborene promovierte Mathematiker Wolfgang Abel und sein Jugend­ freund, der 1960 in Padua geborene Chemiker und Doktorand Marco Furlan stets den Wahl­ spruch des preußischen Königshauses: Gott mit uns. Es war ihre Art des Bekenntnisses für eine Reihe äußerst brutaler Morde an Homo- sex­­­­uellen und Drogensüchtigen, Prostituierten und Pädophilen.

Es begann am 25. August 1977, dem offiziellen Ludwigs-Namenstag. An diesem Tag warfen der gerade 18-jährige Abel und der 17-jährige Fur­ lan vier Molotow-Cocktails in das Auto eines drogensüchtigen Sintis, der zu diesem Zeitpunkt in seinem Auto schlief. Guerrino Spinelli, das Opfer, starb eine Woche später an seinen Verlet­ zungen. In den folgenden Jahren erstachen Abel und ­Furlan erst einen Homosexuellen in Padua – ­als die Polizei eintraf, steckte das 25 cm lange Messer noch in seinem Genick – dann einen he­ roinsüchtigen Homosexuellen in Vicenza. Eine Prostituierte in Vicenza erschlugen sie erst mit einem Hammer und zerlegten sie anschlie­ ßend mit einem Beil. 1981 ermordeten sie am Etschufer von Verona ein Fixer, in dem sie ihn bei lebendigem Leib in seiner Holzhütte verbrannten. 1982 starben zwei Mönche in Vicenza durch Hammerschläge, einer der beiden war wegen Pädophilie angeklagt. Einem 1983 ermordeten Pater in Trient schlugen Abel und Furlan ein Kruzifix ins Genick. In den Münchner Nachtclub Liverpool traten Abel und Furlan, verschütteten zwei Kanister Benzin und setzten den Laden, in dem gerade 25 Gäste einen Pornofilm schauten, in Brand. Eine Woche später starb eine Mit­­­arbeiterin. Was wahlweise klingt wie eine moderne Version eines gewaltgeladenen Shakespears-Dramas oder eine mit seltsamer politisch-religiöser Symbolik aufgeladene Variante von Bret Easton Ellis Roman „American Psycho“, weißt tatsächlich alle ­­Merkmale einer klassischer Horror-Erzählung auf: Die scheinbar wahllosen Opfer, die sinnlose Grausamkeit bei gleichzeitiger Kaltblütigkeit und, nicht zuletzt, die Unscheinbarkeit der Mörder. Philipp Bölls „LVDWIG“ zeigt diese beunruhi­ genden, von den Tätern bewusst mit seltsamer Mystik und Symbolik umgebenen Morde mit großer Nüchternheit und Distanz. Wo die Mörder mit Furor und Grausamkeit mordeten, nähern sich Bölls Bilder mit großer Vorsicht und Klarheit ihrer Geschichte. Die jeweiligen Tatorte hat Philipp Böll so weit möglich recherchiert, dann aber roman­ haft festgehalten: Es sind stets die richtigen Städte, die betreffenden Viertel und Straßenzüge. Wichtiger aber als die bloße Dokumentation eines exakten Ortes ist „LVDWIG“ die Geschichte, die die Fotografien erzählen. Philipp Böll zeigt die Orte der grausamen Tode nämlich scheinbar un­gerührt. Zum Beispiel die Landstraße zwischen Verona und Venedig, einmal quer durch Venetien. Der ­unbedarfte Betrachter fühlt sich an Urlaube erinnert, an den Rückweg ins Ferienhaus nach einem heißen Tag am Strand, an überholende Vespa-Fahrer. Der Betrachter von „LVDWIG“ aber ahnt, dass Abel und Furlan auf den We­ gen zu ihren Morden, die mit Ausnahme des Anschlags von München stets im 90-Minuten-­ Radius um Verona verübten wurden, auf eben dieser Straßen zu ihren Opfern gefahren sein müssen. Auf einer Vespa. Um nach vollzogenem Mord auf eben dieser Straße auch wieder den Heimweg anzutreten.

Die vermeintliche Kälte aber hat Kalkül: Weiß man nämlich erst einmal um die Bedeutung der Orte, entfaltet sich die Geschichte beim Anblick der Bilder im Kopf, weiter und weiter, immer konkre­ ter. Plötzlich verströmen die ruhigen, konzent­ rierten Fotografien eine großes Unbehagen, das zuvor unsichtbar war. Ganz so, als würde plötz­ lich ein dunkles Dröhnen wie im Film einsetzen. Es ist eine goldene Regel der Suspension, die hier zu Ehren kommt: Horror ist das, was man nicht sieht. Aber „LVDWIG“ ist fotografisch und histo­risch interessant. Diese konzentrierten Fotos menschenleerer Tatorte zwei rechtsradikaler Gewalttäter erinnern auch daran, dass rechter Terror eben nicht Geschichte ist – sondern ganz aktuell im NSU-Prozess auch vor dem Oberlan­ desgericht München verhandelt wird. Und wirft so auch die Frage auf, warum die Morde der „Gruppe Ludwig“, warum Terror von rechts so schnell wieder aus dem kollektiven Gedächtnis verschwindet – selbst wenn er derartig grausam ist, wie die Morde von Marco Furlan und Wolf­ gang Abel, die mittlerweile übrigens beide ihre Gefängnisstrafen verbüßt haben. „Al Liverpool non si scopa più ferro e fuoco sono la punizione nazista“ heißt es im letzten, wie stets mit Adler und Hakenkreuz verzierten und in Ruinenschrift verfassten Bekennerschreiben der Gruppe Ludwig nach ihrem Anschlag auf den Münchner Nachtclub: „Im Liverpool wird nicht mehr gefickt, Feuer und Eisen sind die Strafe ­ der Nazis.“ „Nach einem erkennbaren Motiv, einer rationa­ len Erklärung, hat man lange gesucht“ schrieb der Reporter Erwin Brunner im Dezember 1986 in der Wochenzeitung DIE ZEIT. „Warum wurden diese jungen Männer zu Mördern? Wie konnten zwei Söhne aus angesehenen Familien dieser Stadt fünfzehn Menschen umbringen? Erstechen, erschlagen, verbrennen, vernichten; mittelalter­ lich, wie wahnbesessene Inquisitoren.“ Die Morde wurden aufgeklärt. Der Fragen sind geblieben.

 

Daniel Erk